Digitale Souveränität in Europa: Warum der Umstieg von US-Software jetzt zum strategischen Thema wird
Seit über 30 Jahren begleiten wir Unternehmen bei der Einführung und Optimierung ihrer IT-Infrastruktur. In dieser Zeit haben wir viele Trends kommen und gehen sehen. Doch eine Entwicklung, die wir in den letzten Jahren beobachten, ist mehr als nur ein flüchtiger Trend: Es ist eine grundlegende Verschiebung in der Bewertung von Software-Abhängigkeiten. Immer mehr Unternehmen und öffentliche Institutionen in Europa hinterfragen ihre tiefe Verwurzelung in Ökosystemen von Anbietern wie Microsoft, Oracle oder Google und suchen nach europäischen Alternativen.
Die Ära der Abhängigkeit: Ein Rückblick auf drei Jahrzehnte IT
Als wir vor drei Jahrzehnten mit unseren ersten IT-Schulungen begannen, war die Dominanz amerikanischer Softwarehäuser fast alternativlos. Windows und MS Office wurden zum Standard in jedem Büro, und Datenbanken von Oracle bildeten das Rückgrat der Industrie. Diese Produkte boten zweifellos Innovation und Komfort. Doch mit der zunehmenden Vernetzung und der Verlagerung von Daten in die Cloud haben sich die Rahmenbedingungen geändert.
Heute geht es nicht mehr nur um die Frage, welche Software die meisten Funktionen bietet. Es geht um Datenschutz, rechtliche Sicherheit und strategische Unabhängigkeit. Die Debatten rund um den Cloud Act der USA und die Anforderungen der DSGVO haben gezeigt, dass technische Lösungen heute immer auch eine politische und rechtliche Dimension haben.
Warum der Wechsel zu europäischen Produkten an Fahrt gewinnt
Der Wunsch nach einem Wechsel von Windows, Microsoft 365 oder proprietären Datenbanksystemen hat verschiedene Ursachen. In unseren Schulungen und Beratungsgesprächen hören wir immer wieder drei Hauptgründe:
- Datenschutz und Compliance: Die Einhaltung der DSGVO ist für europäische Unternehmen kein optionales Extra, sondern eine rechtliche Notwendigkeit. Bei der Nutzung von US-Cloud-Diensten bleibt oft eine rechtliche Grauzone bezüglich des Zugriffs durch ausländische Behörden bestehen.
- Digitale Souveränität: Wer sich zu 100 Prozent auf einen Anbieter verlässt, macht sich erpressbar – sei es durch Preissteigerungen bei Lizenzgebühren oder durch plötzliche Änderungen in den Nutzungsbedingungen. Souveränität bedeutet, die Kontrolle über die eigenen Prozesse und Daten zu behalten.
- Förderung lokaler Innovation: Mit der Entscheidung für europäische Softwarelösungen stärken Unternehmen den heimischen Markt und fördern Talente sowie Infrastrukturen innerhalb der EU.
Praktische Alternativen: Europäische Software-Lösungen im Überblick
Der Markt für europäische Software hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Hier ist eine Auswahl bewährter europäischer Produkte, die in vielen Unternehmen bereits erfolgreich als Ersatz für US-amerikanische Standardsoftware eingesetzt werden:
Ersatz für MS Office (Word, Excel, PowerPoint)
- LibreOffice (Europa/Open Source): Die wohl bekannteste Alternative. Sie bietet einen riesigen Funktionsumfang für Textverarbeitung und Tabellenkalkulation und ist ideal für die lokale Installation auf dem Rechner geeignet.
- OnlyOffice (Lettland): Eine hochkompatible Suite, die vor allem im Browser ihre Stärken ausspielt. Sie erlaubt das gleichzeitige Bearbeiten von Dokumenten in Echtzeit und bietet eine exzellente Unterstützung für MS-Office-Formate (docx, xlsx).
Ersatz für Microsoft Teams und Zoom
- Jitsi Meet (Europa/Open Source): Eine schlanke und sichere Lösung für Videokonferenzen, die direkt im Browser läuft und keine Software-Installation erfordert. Ideal für schnellen, datenschutzkonformen Austausch.
- BigBlueButton (Europa/Open Source): Ursprünglich für den Bildungsbereich entwickelt, bietet es exzellente Werkzeuge für Online-Schulungen, Whiteboards und Gruppenarbeit – perfekt für interaktive Meetings.
- Element / Matrix (Europa/Open Source): Ein sicherer Messenger-Dienst, der als Alternative zu Teams-Chat dient. Er ist dezentral aufgebaut und bietet Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für die interne Unternehmenskommunikation.
Betriebssysteme und Infrastruktur
- Suse Linux (Deutschland): Eine der weltweit führenden Linux-Distributionen für den Unternehmenseinsatz. Sie bietet eine stabile Basis für Server und Workstations mit professionellem Support.
- Univention Corporate Server (Deutschland): Eine hervorragende Alternative zum Microsoft Active Directory für die Verwaltung von Identitäten und Infrastrukturen.
E-Mail und Groupware
- Grommunio (Österreich): Eine Groupware, die eine sehr hohe Kompatibilität zu Microsoft Outlook bietet und somit den Umstieg für Endanwender besonders einfach macht.
- Nextcloud (Deutschland): Weit mehr als nur ein Speicherort. Es ist eine komplette Plattform, die Filesharing, Kalender und Kontakte vereint und sich nahtlos mit OnlyOffice integrieren lässt.
Kosten und Lizenzmodelle: Was Unternehmen wissen müssen
Ein häufiges Missverständnis ist, dass Open-Source-Software grundsätzlich kostenlos ist. Während der reine Programmcode oft frei verfügbar ist, benötigen Unternehmen für den produktiven Betrieb professionelle Enterprise-Editionen. Diese bieten zertifizierte Sicherheitspakete, Support-Garantien (SLAs) und rechtliche Absicherung.
Hier sind die preislichen Orientierungswerte für gängige europäische Lösungen (Netto-Preise):
- Nextcloud Enterprise: Professioneller Support beginnt oft ab ca. 100 Nutzern. Die Preise liegen je nach Funktionsumfang zwischen 30 Euro und 65 Euro pro Nutzer und Jahr.
- OnlyOffice Docs Enterprise: Für die Integration in eigene Server starten die Preise für Unternehmen oft bei etwa 1.500 Euro bis 2.000 Euro pro Server-Instanz (für eine unbegrenzte Anzahl an Dokumenten bei gleichzeitigen Verbindungen).
- Jitsi / BigBlueButton: Hier fallen oft keine Lizenzkosten pro Nutzer an, sondern Kosten für das Hosting auf eigenen oder europäischen Servern sowie für die technische Administration.
- SUSE Linux Enterprise Server (SLES): Ein Standard-Abonnement für Wartung und Patches kostet ca. 700 Euro bis 800 Euro pro Server und Jahr.
- Grommunio: Die Alternative zu MS Exchange bewegt sich oft im Bereich von 25 Euro bis 40 Euro pro Nutzer und Jahr.
Die Herausforderungen des Umstiegs
Als Experten für IT-Schulungen wissen wir jedoch auch: Ein Softwarewechsel ist kein rein technisches Projekt. Es ist ein kultureller Wandel innerhalb einer Organisation. Wer 20 Jahre lang mit Excel oder Teams gearbeitet hat, wechselt nicht über Nacht ohne Reibungsverluste zu einer anderen Lösung.
Die größten Hürden beim Umstieg sind oft die Gewohnheit der Mitarbeiter, die Interoperabilität der Daten sowie der akute Schulungsbedarf. Ohne eine fundierte Begleitung scheitern auch die technisch besten Migrationsprojekte.

Erfolgsfaktor Weiterbildung: Den Menschen mitnehmen
In den über 30 Jahren unserer Tätigkeit haben wir gelernt, dass der Erfolg einer IT-Infrastruktur zu 20 Prozent von der Technik und zu 80 Prozent vom Anwender abhängt. Wenn Europa seine digitale Souveränität ernsthaft ausbauen will, müssen wir massiv in die digitale Kompetenz investieren.
Ein Wechsel weg von Microsoft, Zoom oder Oracle erfordert eine didaktisch sinnvolle Begleitung. Es geht darum, Ängste abzubauen und die Vorteile der neuen Unabhängigkeit aufzuzeigen. Europäische Softwarelösungen sind oft modularer und erlauben es, Arbeitsabläufe individueller zu gestalten.
Fazit: Ein Weg der kleinen Schritte
Der Abschied von US-amerikanischen Software-Giganten muss nicht von heute auf morgen geschehen. Oft ist ein hybrider Ansatz sinnvoll, bei dem schrittweise kritische Bereiche auf europäische Alternativen umgestellt werden. Wichtig ist jedoch, den Prozess jetzt zu beginnen.
Wir unterstützen Unternehmen seit drei Jahrzehnten dabei, technologische Neuerungen zu meistern. Mit der richtigen Planung, den passenden Werkzeugen und einer konsequenten Schulung der Mitarbeiter ist der Weg in die digitale Souveränität nicht nur möglich, sondern für die Zukunftssicherheit unerlässlich. Vertrauen Sie auf Erfahrung, wenn es darum geht, Ihre IT-Zukunft sicher und unabhängig zu gestalten.
Möchten Sie eine detaillierte Beratung zu Schulungsprogrammen für den Umstieg auf Open-Source-Alternativen? Wir unterstützen Sie gerne dabei, Ihre Belegschaft fit für die digitale Souveränität zu machen. Nutzen Sie einfach unser Kontaktformular für eine unverbindliche Anfrage oder schreiben Sie uns direkt eine E-Mail. Wir freuen uns darauf, Sie bei Ihrem Projekt zu begleiten.
Bild von Markus Winkler auf Pixabay